Was spirituelles Erwachen wirklich bedeutet

Von Christopher Wallis – übersetzt von Daniela und Marion

Spirituelles Erwachen

Was zum Kuckuck ist eigentlich „Erwachen“? Ich definiere es weiter unten auf vier Arten, aber zunächst möchte ich folgendes sagen: Wenn du nicht wenigstens ein bisschen durch einen Prozess des Erwachens gegangen bist, wirst du spirituelles Erwachen höchstwahrscheinlich als einen Mythos betrachten; so als ob dir ein Guru eine Karotte vor die Nase hält und am Ende nur dein Geld möchte, oder es für dich nach einem Weg für selbst-wichtige spirituelle Typen aussieht, die sich selbst verherrlichen oder sich mit ihren Kräften beschäftigen wollen, oder bestenfalls, ein Weg eine Grenzerfahrung zu glorifizieren. Aber in Wahrheit hat keine dieser Erfahrungen etwas mit wirklichem Erwachen zu tun. Es ist keine Grenzerfahrung; es ist überhaupt keine Erfahrung (obwohl es natürlich von Erfahrungen begleitet sein kann). Es ist etwas komplett anderes (oder eher nichts).

Was ist Erwachen, wenn es keine Erfahrung ist? Es ist eine Veränderung der Denkmuster, welche die Art, in der du alles erfährst, neu konfiguriert. Ob eine Erfahrung ein Teil dieser Veränderung der Denkmuster ist oder nicht, spielt keine Rolle. Erwachen das von Feuerwerk begleitet wird und Erwachen über das es nichts zu sagen gibt (was viel häufiger ist), sind gleich, wenn man betrachtet wohin sie dich führen.

Aber wohin führen sie einen? In westlichen Darlegungen wurde Erwachen fälschlicherweise mit „Erleuchtung“ gleichgesetzt, was zu irgend einem mystischen Download von Wissen oder Weisheit führt. Spirituelle Erläuterungen können es so aussehen lassen, als ob die erwachte Person etwas weiß – oder hat – was die unerwachte Person nicht weiß oder hat. Eigentlich ist es anders herum. Erwachen bedeutet etwas zu verlieren, insbesondere deine am tiefsten konditionierten Glaubenssätze darüber, wer du bist und was die Welt ist – ohne etwas dazu zu gewinnen.

„Erwachen“ an sich ist eine Metapher. Da keine Sprache der Welt ein Wort für diese Veränderung der grundlegenden Denkmuster hat, verwenden wir (Lehrer fernöstlicher spiritueller Traditionen) die Metapher des Erwachens aus einem Traum, denn so fühlt es sich an.

Obwohl es wahr ist, dass der eine mehr und der andere weniger tief schläft, gibt es im Prozess des Erwachens verschiedene Stufen. Diese Vier sind diejenigen, welche ich ausmachen konnte – klar und ohne Umschweife formuliert:

  1. Erwachen aus dem gesellschaftlich konstruierten Selbst: Welches aus dem Glauben entsteht, dass dich deine Gedanken, Erinnerungen, Selbst-Bilder, oder „Geschichten“ definieren, einschränken oder beschreiben. In anderen Worten, ein Erwachen aus dem Traum, dass die Inhalte deiner Gedanken irgendetwas damit zu tun haben wer (oder was) du grundsätzlich bist. Das bedingt klar zu sehen,  dass der Ich-Gedanke keine Grundlage hat – das bedeutet zu sehen, dass das Ich-Konzept nichts beschreibt als ein fabriziertes, falsch definiertes, unklares und widersprüchliches Selbstbild, ein Gedanke oder eine Idee wie ich bin, die auf mir drauf sitzt. (Obwohl „Ich“ auch reines Bewusstsein beschreibt, jedoch nicht das ist wie die meisten Menschen das Wort verwenden). In einem echten Erwachen sind dies alles Erfahrungs-Erkenntnisse, keine konzeptionellen Erlebnisse, weswegen es so schwierig ist, sie effektiv in Worte zu fassen
  2. Erwachen aus konzeptuellen Überlagerungen – das bedeutet nicht länger deine Konzepte von Dingen auf Dinge zu projizieren. Das ist einfach die natürliche Erweiterung aus #1. Aus der Gewohnheit des konzeptuellen/interpretativen Überlagerns herauszutreten, ist für die meisten Leute eine langwieriger Prozess, aber wenn man diesem Faden der Verwirklichung bis zum Ende folgt, führt es unweigerlich zu
  3. Erwachen aus dem Traum der Getrenntheit. Indem du den Glauben loslässt, dass es Objekte (und Menschen) gibt, die von dir getrennt sind, erwachst du in die Wahrheit der grenzenlosen Einheit mit allem was ist. Obwohl diese spezielle Stufe des Erwachens oft glorifiziert wird, ist es in Wirklichkeit nicht mystisch oder sonst irgendwas; es bedeutet nur klar und ohne den Filter des konditionierten Geistes zu sehen (ja, das ist möglich, andernfalls wären die meisten fernöstlichen Traditionen in ihrem zentralsten Grundsatz falsch). Man erlangt Einheit nicht, sondern erkennt erfahrungsgemäß, dass man niemals von irgend etwas getrennt war
  4. Erwachen aus dem Glauben an die objektive Realität, hier definiert als vorgestellte Existenz eines beobachter-unabhängigen Universums von materiellen Objekten mit unabhängigen Essenzen. Das ist zu kompliziert und zu subtil, um es hier zu erklären und als gelebte Erfahrung (anstatt eines Konzepts) sicherlich noch merkwürdiger, als es sich anhört.

Also siehst du, dass das Wort „erwacht“ nichts über die Feststellung „Du kannst erwacht sein und immer noch ein Dummkopf sein, oder du kannst erwacht und integriert sein“ aussagt – weil, spirituell gesprochen, es ohne zu erwachen nichts zu integrieren gibt. Erwacht sein ist nicht nur eine weitere Interpretation der Realität, die du zusammen mit all deinen anderen Geschichten integrierst – es ist eine Änderung der Denkmuster, welche die Interpretationen auslöscht und dich in einen absolut unbeschreiblichen Modus des Seins erhebt, in dem das einzig wahre „Wissen“ das Nichtwissen von allem ist, was du jemals gedacht hast. Es geht einher mit reiner Intimität mit absolut Allem, frei von der Notwendigkeit, es zu verstehen oder interpretieren zu wollen, und frei vom Impuls es zu akzeptieren oder abzulehnen. (Deine eigenen Gedanken eingeschlossen!)

Es ist der Prozess der Integration dieser Stufen des Erwachens, der grundlegend und  vollständig lebensverändernd ist. Bis dahin, abhängig von der ‚Stärke‘ des Erwachens, kann man zwischen dem neuen Wahrnehmungsmodus und dem Alten hin und her switchen; der Alte wird sich sogar in manchen Fällen selbst permanent wieder geltend machen. Noch wichtiger und der Integration vorangehend ist, dass dein Erwachen mit keiner wesentlichen Verhaltensänderung einhergeht oder jemand anders davon profitiert.

Matthew Remski (ein anderer Sanskrit-Studierter) argumentiert, dass „die Vorstellung des ‚Erwachens‘ die Menschen in Bessere und Schlechtere kategorisiert“. Ja, es sieht bestimmt so aus, aber hier ist das Problem: wenn erwachtes Bewusstsein (Skt. bodha, bodhi, prabuddha, etc.) wirklich eine Sache ist und tatsächlich ein anderes Denkmuster des Seins bildet, wie können wir eine solche Unterscheidung vermeiden? Und wenn es Unterschiede gibt, werden die Menschen die Geschichte kreieren, dass es besser ist, das eine oder das andere zu sein. Wie auch immer, die Ironie ist hier, dass jede erwachte Person weiß, dass erwacht sein keine Überlegenheit oder einen Vorteil über Andere bringt. Es ist in keinster Weise ein besserer Zustand, obwohl es viele als freudvoll und/oder frei empfinden.

Es ist jedoch wahr, dass jemand der das Erwachen noch nicht erfahren hat, nicht in der Lage ist, angemessen darüber zu sprechen. Das ist keine Exklusivität, zumindest nicht mehr als zu sagen, dass jemand der noch nie eine Mango gekostet hat, nicht dazu fähig ist sie angemessen zu beschreiben. Wenn es wirklich wahr ist, dass jemand erwacht ist oder nicht (obwohl es davon natürlich Stufen gibt), und es keinen Weg gibt zu Wissen was Erwachen ist, bis du es für dich selbst erfahren hast, wie können wir das in Worte fassen ohne dass einige Leute die Sprache als exklusiv ansehen? Wie können wir in einer Weise darüber sprechen, die keine Projektionen einlädt? Ich weiß es wirklich nicht.

Wenn Leute, die etwas von Erwachen hören, sich wünschen, dass das für sie passiert, ist das gut. Aber sie sind dem Wollen gegenüber nicht weniger machtlos als jemand der wissen will, wie es ist, die Erde vom Weltall aus zu sehen, oder jemand der gerne Tauchen lernen will. In beiden Fällen werden sie Hilfe brauchen, um es zu verwirklichen, sie werden einen Lehrer oder Coach brauchen, und dafür braucht man sich weder zu schämen noch besteht Notwendigkeit, Kräfte zu messen. (Mit Betonung auf das Wort ‚Notwendigkeit‘ – sie passieren, aber das müssen sie nicht; sie sind in der pädagogischen Struktur enthalten).

Nachdem das nun gesagt ist, hat Matthew Remski absolut Recht, wenn er sagt, dass dieses Wort ‚Erwachen‘ – dieser Anspruch, falls er erhoben wird – im bestimmten ’spirituellen‘ Kreisen ein soziales Kapital hat, und komplex mit Belangen von Übertragung und Gegenübertragung in diesen Kreisen verbunden ist. Soziales Kapital kann für das Gute oder das Schlechte verwendet werden. Und das genau ist der Grund warum Menschen, die durch einen Prozess des Erwachens gegangen sind, sich selbst nicht als ‚erwacht‘ oder Gott bewahre als ‚erleuchtet‘ bezeichnen. (Obwohl es zu dieser Regel einige seltene Ausnahmen gibt.) Und Matthew hat ebenso Recht, wenn er vorschlägt, dass wir uns keine Gedanken darüber machen sollen ob jemand anders erwacht ist oder nicht, weil wir das nicht mit Sicherheit wissen können.

Zum Abschluss hoffe ich, dass diese klaren Definitionen des Erwachens ein Schritt in die Richtung einer ‚fundierten Übereinstimmung‘ sind, über die Matthew Remski und andere zurecht besorgt sind. Natürlich bleibt immer noch das Problem, dass Worte diese wechselnden Denkmuster weniger gut beschreiben, als sie eine Philosophie oder Religion beschreiben würde, weil diese Denkmuster nicht konzeptuell basiert sind. Das ist, weil sie nicht als Resultat davon entstehen, dass man an etwas glaubt.

Nachtrag:
Vor ein paar Jahren schrieb ich diese Definition des Erwachens, die, wenn auch weniger präzise, dennoch ein paar wertvolle Punkte einbringt, die in der obigen Diskussion nicht enthalten sind:

„’Erwachen‘ (bodha), oft falsch als ‚Erleuchtung‘ übersetzt, bezieht sich auf den Prozess eine helle und klare Wahrnehmung deiner Wesensnatur zu erlangen. Damit ist das gemeint was hinter dem konditionierten Verstand liegt (wenn auch den Kontext dafür bereitstellt). Erwachen initiiert einen Befreiungsprozess (mokṣa) vom konditionierten Verstand und all seiner Selbstbilder, zusammen mit den daraus entstehenden konditionierten Energien (z.B. Anhaftungen und Abneigungen). Ein gewisses Maß an Befreiung, macht ein tieferes Erwachen zu deiner Wesensnatur möglich, was dann mehr Freiheit ermöglicht – ein tieferes Erwachen in deine Wesensnatur, was sich so weiter fortsetzt. Erwachen ist weder eine Erfahrung, noch ein Geisteszustand – es ist einfach nur in Berührung mit dem zu sein, was bereits wahr ist, von Moment zu Moment, und aus diesem Zustand heraus zu handeln. Erwachen ist eine immer tiefer werdende Liebe für die Wahrheit, eine sich immer weiter ausdehnende Liebe für das einfache Wunder des Bewusstseins an sich.

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Übersetzung von Daniela und Marion für Christopher Wallis

Der Orginalartikel wurde an einigen Stellen leicht gekürzt.
Zum englischen Orignalartikel:
What ’spiritual awakening‘ really means