Die Kraft der feinstofflichen Eindrücke (Samskāra Theorie)

Von Christopher Wallis – übersetzt von Daniela und Marion

Die yogische Theorie der Samskāras, oder subliminalen Eindrücke vergangener schmerzhafter oder angenehmer Erfahrungen, ist einer der faszinierendsten Beiträge Indiens  zum Verständnis der menschlichen Psyche. Kurz gesagt, wenn wir die Abneigung einer schmerzhaften Erfahrung oder das Anhaften an etwas Schönes erleben, wird der Eindruck dieser Erfahrung in unserer Psyche abgelegt, welchen man als ein ‚Samenkorn‘ der Erfahrung bezeichnet, der wieder sprießen wird.

Anders ausgedrückt, wenn wir nicht fähig sind in jeder gegebenen Erfahrung ‚vollkommen anwesend‘ zu sein, verbleibt ein Rückstand davon in unserer Psyche – oder, in der tantrischen Theorie, im ‚feinstofflichen Körper‘, welcher einfach eine Erweiterung unserer Psyche darstellt. Man sagt der feinstoffliche Körper unterliegt dem physischen Körper und ist von ihm durchdrungen. Er ist ein Modell, welches erklärt wie unverarbeitete vergangene Erfahrungen unsere Beziehung zum Körper (und seiner Gesundheit) in der Gegenwart formen. In der tantrischen Psychologie wird die Metapher der Verdauung verwendet – wenn wir unfähig sind eine gegebene Erfahrung vollständig ‚zu verdauen‘, lagert sich ein Teil der ‘Energie’ dieser Erfahrung ab und muss später verdaut werden; was hoffentlich geschieht bevor es uns vergiftet und damit unsere Erfahrung der Menschen und Ereignisse in der Gegenwart verzerrt.

Diese Darstellung ist natürlich stark vereinfacht. Tatsache ist, dass jeder eine ganze Menge an Samskāras aus diesem und vergangenen Leben mit sich herumträgt (da der feinstoffliche Körper nicht mit dem physischen Körper stirbt), und diese Eindrücke formen unbewusst unsere Vorlieben und Annahmen, die wir auf die Menschen und Situationen projizieren, denen wir begegnen. Je stärker der emotionale Einfluss einer Erfahrung ist, um so tiefer ist der Eindruck welcher geformt wird, bis wir am Ende ein ganzes Netzwerk an Eindrücken haben, die als Filter für unsere Realität fungieren. Manche dieser Impressionen sind so stark, dass man sie als ‚giftig‘ bezeichnet, da sie übertriebene Angstreaktionen auslösen wenn keine Gefahr (oder nur eine kleine Gefahr) da ist, oder sie erschaffen Bindungen an Menschen oder Dinge, die uns nicht gut tun.

Mittels diesem ’samskāralen Netz‘ projizieren wir unsere vergangenheits-basierten Annahmen, Ängste und Erwartungen auf die gegenwärtige Situation; und deshalb sind wir nicht fähig in der Realität der Situation ‚vollkommen anwesend‘ zu sein. Da das Ziel von Yoga als ‚die Realität klar zu erkennen‘ formuliert werden kann, ist es von höchster Wichtigkeit sich der Samskāras, die unsere Sicht verschleiern, bewusst zu werden und sie aufzulösen. Die Samskāra Theorie ist daher in der Yoga Psychologie viel wichtiger als die Theorie von Karma. Man könnte sagen, dass Karma uns einfach die Gelegenheit bietet, uns des samskārischen Gepäcks bewusst zu werden, das wir tragen (da Karma definitiv Situationen erschaffen wird, in denen die Samskāras getriggert werden), und somit wird uns klar, was wir loslassen müssen.

Als Resultat spirituellen Erwachens werden wir mehr selbst-bewusst und somit klarer über unsere Samskāras und wie sie unsere Wahrnehmung verzerren. Das erlaubt uns, sie auszubalancieren. Beispielsweise können wir – anstatt einen geliebten Menschen für eine Emotion zu beschuldigen, die im gegenwärtigen Moment hochkommt – sehen, dass dieser lediglich der Trigger für die Aktivierung eines alten Samskāra ist. Unsere Sprache beginnt sich dann zu verwandeln, von Aussagen wie ‚Du sorgst dich nicht um mich‘ hin zu ‚Das triggert mich gerade und so fühle ich mich nicht sicher mit dir, auch wenn ich das bin‘. Wenn wir uns mit der Zeit selbst kennenlernen, lernen wir durch die Schleier zu sehen, in welche wir von den Samskāras eingehüllt worden sind und nehmen den Unterschied zwischen der Realität des gegenwärtigen Moments und den emotionalen Rückständen der Vergangenheit wahr.

Aber natürlich wollen wir die Samskāras auch auflösen, denn auch wenn wir selbst-bewusst sind, wird uns ihre emotionale Stärke immer bis zu einem gewissen Grad aufmischen. Es heißt die spirituelle Praxis ‚verbrennt die Samen‘ der Samskāras, damit sie nicht wieder sprießen können. Wie geschieht das? Es braucht drei Dinge: die Öffnung des Körpers, das Öffnen des emotionalen Kerns und die Selbst-Befragung (Self-Inquiry). Das Erste wird mit einer physischen Yoga Praxis erreicht (oder andere tiefe somatische Arbeit), welche die ’stagnierte Energie‘ im Körper zum Fließen bringt, was zu emotionalem Loslassen führt.

Das Zweite erreicht man mit einer Still-Sitzen-und-Zuhören Übung, einer speziellen Meditation, in der man einen offenen Raum erschafft, in dem ungelöste Samskāras erscheinen können und aufgelöst werden. Ich verwende den Sanskrit-Begriff Bhāvanā für diese Art von Meditation, in der man sich loslöst von Techniken und der Faszination veränderter Bewusstseinszustände (Trance, Glückseligkeit, etc.) und sitzt, mit der einfachen Haltung von „Ich bin gewillt zu sehen, was immer gesehen werden muss; ich bin gewillt zu fühlen, was immer gefühlt werden muss.“ Diese Art von Meditation braucht Kultivierung. Das wahrscheinlich beste Buch zu diesem Thema ist Ādyashāntis „True Meditation“, welches zwar die Samskāras nicht erwähnt, aber sorgfältig beschreibt, wie man diese Art von Übung kultiviert, die das Loslassen ermöglicht.

Drittens braucht es eine kritische Selbst-Befragung (engl. Self-Inquiry, ātma-vichāra): Kritisch nicht im Sinne des Urteilens, aber im Sinne einer sorgfältigen Untersuchung unseres inneren Wesens, um sicherzustellen, dass wir nicht in Verleugnung sind (so wie wenn man denkt, dass man über etwas hinweg ist, aber in Wirklichkeit ist man es nicht). Für diese dritte Übung ist es von unschätzbarem Wert einen weisen Lehrer, Coach oder spirituellen Freund zu haben, der als Spiegel dient. Ohne unbeirrbare Selbstreflexion kann die spirituelle Reise stocken und stecken bleiben.

Schlussendlich können wir Samskāras auch in unserem täglichen Leben auflösen, wann immer sie getriggert werden. (Das sind wirklich gute Nachrichten). Wenn ein Samskāra getriggert wird, ist das eine goldene Gelegenheit: wenn man mit der Emotion (beispielsweise Angst, Schmerz oder Verlangen), die hochkommt ganz präsent sein kann und ihr erlaubt vorüberzugehen ohne sie zu beurteilen oder sich selbst dafür zu beurteilen, dass man diese Emotion hat, dann wird ein Teil des auftauchenden Samskāras gelöst. Es ist wichtig nicht zu urteilen, weil alle wertenden Urteile eine Form des Widerstand gegen die Realität darstellen, und dieser Widerstand erschafft und stärkt Samskāras. Bedenke, dass auch Anhaftung eine Form des Widerstands darstellt, weil Anhaftung (neben anderen Dingen) das Gefühl „Ich möchte nicht, dass das weggeht“ ist und ist somit Widerstand gegen die Realität der Vergänglichkeit. Westliche Psychologie fokussiert sich stark auf den Schmerz und seine Heilung – aber in der Yoga Psychologie brauchen die Samskāras, welche aus unseren freudvollen Erfahrungen entstehen, genauso viel ‚Heilung‘, weil die Anhaftungen, die wir aus ihnen erschaffen, unsere Fähigkeit die Realität zu erfahren wie sie ist genau so verschleiern, und unser Vermögen behindern wahres Glück (ānanda) zu erfahren, wie es die schmerzbasierten Samskāras der Abneigung tun.

Es gibt keinen Weg heraus, nur hindurch. Samskāras gehen nicht von selber weg und bis sie aufgelöst sind, sind wir nicht wirklich frei. Obwohl wir viele leichtere Samskāras zum Zeitpunkt des Todes verlieren, tragen wir die tiefer gehenden weiter ins nächste Leben und in jedes weitere, bis sie geheilt werden. Das erklärt warum manche Menschen intensive traumatische Emotionen erfahren die in keinem Verhältnis zu dem stehen, was in ihrem Leben passiert. Wenn man beispielsweise in einem früheren Leben als ‚Hexe‘ verbrannt wurde, wird selbst die kleinste Verfolgung oder soziale Ausgrenzung in diesem Leben eine starke emotionale Reaktion auslösen. Es gibt dafür unzählige weniger dramatische Beispiele. Es heißt, dass Samskāras aus vergangenen Leben Phobien erklären, welche nicht aus diesem Leben stammen können. Aber auch diese intensiven Ängste können Stück für Stück gelöst werden, indem wir die Fähigkeit kultivieren sie einfach vorbeiziehen zu lassen.

Diese Praxis der nicht-wertenden Akzeptanz löst nicht nur Samskāras auf, sondern verhindert, dass neue Samskāras abgelegt werden, was mindestens ebenso wichtig ist. Wenn wir neue Erfahrungen und Emotionen durch uns hindurch ziehen lassen, ohne uns an sie zu klammern oder sie abzulehnen, kann sich kein Samskāra ablagern und wir befreien dadurch auch unser zukünftiges Selbst.

Nachtrag: Nachdem das alles gesagt wurde, bin ich dennoch nicht besonders für die  Faszination, die von früheren Leben oder Rückführungstherapie ausgeht. Warum? Weil das Yoga-Sūtra, die Bhagavad-Gītā, und die tantrische Philosophie (meinen primären Quellen für diesen Post) uns alle sagen, dass eine Yoga Praxis (welche die Bhāvanā Meditation enthält) allein und von selbst, eventuell alle Samskāras löst, in einem Maß welches allein durch die Klarheit unserer Intention, die Präzision unserer Selbst-Befragung und die Intensität unserer Praxis bestimmt wird. Modalitäten, die von Experten abhängen – wie Psychotherapie – können hilfreich sein, sind aber nicht unbedingt notwendig, weil wir uns glücklicherweise nicht an jede schmerzhafte Erfahrung erinnern müssen, um sie zu heilen.

Übersetzung: Daniela und Marion

Englischer Orginalartikel:
The power of subtle impressions (samskaara theory)