Der achtfache Yoga des Patañjali

Shiva

Der achtfache Yoga des Patañjali wird auch Raja Yoga genannt, oder der Königsweg des Yoga

Yoga verbreitet sich in unserer westlichen Welt unglaublich schnell. Es wird von den Krankenkassen als Präventionsmaßnahme gefördert, Yoga und Meditation gibt es mittlerweile in vielen Betrieben zum Stressmanagement und zur ‚Selbstoptimierung‘. Das ist, was der Westen aus dem Yoga gemacht hat, und ja – die gesundheitlichen Wirkungen der Asanas und vernünftiges Atmen tragen wirklich essentiell zum Erhalt unserer Gesundheit bei – es spricht also nichts dagegen, präventiv oder therapeutisch mit Yoga zu arbeiten.

Was hingegen nicht in Ordnung ist, ist das Yoga nur auf diese kleinen Teilaspekte zu reduzieren, denn Yoga bietet uns viel mehr als nur ein paar Wohlfühlaspekte. Einen Einstieg in die Materie bietet hier bei uns eigentlich nur der Raja Yoga nach Patañjali, der eigentlich in keiner Yogalehrerausbildung wegzudenken ist, aber auch nur einen ganz kleinen und stark vereinfachten Teil von dem darstellt, was uns hier (im deutschsprachigen Raum) nur schwer zugänglich ist. Kriya Yoga oder Nonduales Shaiva Tantra sind ebenfalls Wege dorthin.

Hier zunächst ein paar Grundlagen: Patañjali war ein indischer Weiser, ein Siddha, dh. einer der Selbstverwirklichung erreicht hat. Die Siddhas hatten enorme Fähigkeiten, die man mit denen von Jesus vergleichen kann (um etwas zu nennen, das wir kennen und uns vorstellen können). Patañjali hat das Wesen der Meditation und den Weg an ihr Ziel in seinen berühmten Yoga Sutras festgehalten. Ob er dem Yoga nun acht Glieder oder nur drei Glieder gegeben hat, darüber ist sich die Yogaszene teilweise uneinig – Studierte des Sanskrit finden in anderen alten Schriften sogar noch mehr Glieder, bis zu 15! Doch dieser Artikel soll eine Übersicht über die Lehre nach Patanjali geben, so wie sie hier bei uns in den Yogalehrerausbildungen dargestellt wird.

Der achtfache Yoga des Patañjali enthält die folgenden Stufen (vereinfacht):

1. Yama (Einschränkungen)
1.1 Ahimsa (nicht verletzen)
1.2 Satya (nicht lügen)
1.3 Asteya (nicht stehlen)
1.4 Brahmacharya (Mässigkeit)
1.5 Aparigraha (Begierdelosigkeit, Verzicht)

2. Niyama (Werthaltungen)
2.1 Sauca (Reinheit)
2.2 Santosha (Zufriedenheit)
2.3 Tapas (Disziplin)
2.4 Svadhyaya (Selbststudium)
2.5 Ishvara-Pranidhana (Hingabe)

3. Asana (Körperübungen)

4. Pranayama (Atemübungen, Energielenkung)

5. Pratyahara (Zurückziehen der Sinne nach Innen)

6. Dharana (Konzentration auf einen Punkt)

7. Dhyana (stille Meditation)

8. Samadhi (Einheit mit dem Göttlichen, das Ziel von Yoga)

Dazu sei angemerkt, dass man hier unter Dhyana nicht das Selbe versteht, wie das was man bei uns weitgehend als Meditation bezeichnet, zumal ab der sechsten Stufe (Dharana) der Körper still sein muss, ohne jede Bewegung, ohne jedes kleinste Zucken. Der Atem wird dabei fein und subtil und in bestimmten Formen von Samadhi steht der Atem still. Und der Weg dorthin ist keine Wellnessbehandlung und auch keine Berieselung zum Abschalten vom Alltag. Es ist ein Weg der Selbsterkenntnis, des Auflösens von Konditionierungen, des Hinschauens und des Heilens unserer Bewusstseinsstrukturen. Es ist ein Weg Bewusstsein zu erfahren und aktiv damit zu arbeiten, ein Eintauchen in das was man ist, was wir alle sind, in all das was ist.

Für uns westliche Menschen ist am wichtigsten, uns mit den Namas und Niyamas auseinander zu setzen. Der achtfache Yoga des Patañjali hat diese den Körper- und Atemübungen voran gestellt, weil dieser Weg ohne die innere Arbeit an uns Selbst keinen Sinn hat. Es mag sein, dass wir ohne die innere Arbeit zu tun ein bisschen Entspannung und Ablenkung von unseren Problemen erfahren, aber wir lösen sie nicht und befreien uns nicht vom damit verbundenen Leiden, sondern wir bleiben eine Marionette – sei es eine der Gesellschaft (’selbstoptimiert‘) oder unserer eigenen Muster, Vorstellungen und Wünsche und sind nicht mehr als eine Ansammlung von Süchten, Wünschen, Anhaftungen und Aversionen. Und das Leben, für Leben, für Leben. Ähnlich wie der Buddhismus weist Yoga uns einen Weg zur Befreiung unserer Seele, einige Linien des Yoga sind einigen Linien des Buddhismus sogar sehr ähnlich – und sie sehen das einzige dauerhafte Glück im Erkennen der Natur des Geistes.